Soul Positivity

Nach einer kleinen Sommerpause nun endlich mal wieder ein Lebenszeichen von mir. Und zwar mit einem Thema, mit dem ich mich schon länger beschäftige, aber bis jetzt nicht genügend Zeit und Ruhe hatte, es auszuformulieren.

Ich verfolge schon ein Weilchen über Medien und sozialen Netzwerken die „Body Positivity“ Bewegung. Auch wenn manche Interpretationen und Umsetzungsformen mir etwas zu extrem sind (aber diese extreme Polarisierung ist ganz oft bei kontroversen Themen zu beobachten), so befürworte ich doch die Grundidee dahinter. Sie ist klar im Einklang mit meinem Wunsch nach allgemeiner Toleranz. Es erscheint mir auch wichtig hinsichtlich der vielen Essstörungen und anderen Erkrankungen, die direkt oder indirekt damit zusammenhängen.

Ich möchte im gleichen Atemzug dieser Bewegung aber noch eine weitere anregen. Eine, die mir mindestens so wichtig erscheint, wenn man sich folgendes Zitat von Oscar Wilde vor Augen führt: „Es kommt darauf an, den Körper mit der Seele und die Seele durch den Körper zu heilen.“ Wenn wir also über Body Positivity sprechen, sollten wir dann nicht auch im gleichen Maße Soul Positivity anstreben?

Die Natur hat den Menschen nicht nur mit einem unterschiedlichen und individuellen äußeren Erscheinungsbild ausgestattet. Wir sind auch alle innerlich Individuen mit verschiedenen Ausprägungen. Unsere Seele ist ebenso einzigartig und liebenswert wie unser Körper. Ich weiss, dass auch das Stichwort „Selbstliebe“ bereits Wellen schlägt und das ist sicher ein erster Schritt. Mit Soul Positivity gehe ich aber noch einen Schritt weiter: Wir sollten (nebst dem Körper) nicht nur unsere Seele, unser Wesen und unseren Geist lieben lernen. Wir sollten auch die Diversität der Seelen um uns herum und auf der Welt respektieren, tolerieren und wertschätzen!

Mit Soul Positivity rufe ich dazu auf, die einschränkende Erwartungshaltung gegenüber den Persönlichkeiten und ihren idealisierten Eigenschaften ebenso aufzubrechen wie die Erwartungen an ein ideales Äußeres! Es gibt weder den perfekten Idealkörper noch die ideale Persönlichkeit, die da drin wohnt!

Natürlich gehört es für mich als Hochsensible dazu, dass in diesem Sinne alle HSP genauso anerkannt werden sollen wie alle Nicht-HSP. Aber das allein ist nicht mein Antrieb für diese Bewegung. Ich möchte mehr als das… Viel mehr. Ich wünsche mir, dass ALLE Menschen ihren Platz in der Gesellschaft haben, so wie sie sind. Ich wünsche mir, dass diese engen Normen und Raster aufgelöst werden und die Gesellschaft aufhört, alle Menschen in ein Grundraster zu pressen, damit sie nach 0815 Schema funktionieren und leben. Angefangen in der Bildungslandschaft, die gewisse Leistungsfähigkeiten anderen Skills deutlich vorzieht. (So muss man sich nicht wundern, dass wir zu viele Abiturienten, aber kaum noch Handwerker haben. Der Fokus lag zu lange auf den Kognitiven Leistungen und die anderen Fertigkeiten wurden zweitrangig behandelt).

Eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied, heisst es so schön. Wir sollten den vermeintlich! Schwächeren ihre Stärken zurückgeben und jedem Menschen mit seinem ganz persönlichen Wirkungsgrad einen Platz einräumen. Wir sollten Toleranz und Diversität nicht nur leben, wir sollten sie feiern… Das Ganze ist viel mehr als die Summe seiner Teile, sagte schon Aristoteles. Wir können mit Body und Soul Positivity (und noch viel viel mehr Toleranz und Wertschätzung) so viel mehr erreichen und so viel mehr Glück erzeugen. Wir müssen dafür nichts tun ausser leben und lieben… und leben und lieben lassen. Ist das nicht eine wundervolle Vorstellung?

Du & Ich

Du & ich. Ich & du. Ich bin ich und du bist du. Mal verstehen wir uns und mal nicht. Mal ziehen wir am gleichen Strang und mal laufen wir in unterschiedliche Richtungen. Mal lachen und mal weinen wir. Mal sind wir eins und mal uneins. Das passiert.

Aber was, wenn ich deine Sichtweise mal nicht teile? Was, wenn du meine Gefühle mal nicht anerkennen kannst? Was, wenn ich dich mit Worten verletze, ohne es zu wollen? Was, wenn dein Handeln mich an meine Grenzen bringt, ohne dass du das weisst? Was wenn wir Pläne und Ziele haben, die unterschiedliche Wege benötigen? Was, wenn du gehst, während ich noch warte? Was ist dann?

Auch das passiert. Und es passiert nicht ohne Grund. Immer dann, wenn es schwierig wird, wenn es aussichtslos erscheint oder man droht im Kreis zu gehen… Immer dann ist der beste Moment, hinzusehen und zu lernen. Immer dann, wenn man keinen Ausweg sieht, ist der beste Moment zu vertrauen und geduldig zu sein. Immer dann, wenn es besonders weh tut, ist der beste Moment zu fühlen und der Angst zu trotzen. Es passiert was passiert und das ist ok so.

Du & ich. Ich & du. Gemeinsam schafft man mehr. Aber dafür braucht es zwei. Zwei Einzelne ergeben noch kein Ganzes. Manchmal bleiben zwei Einzelne einzeln. Dann ist das so. Dann sollte vielleicht auch das so sein.

Diskrepanz

Diskrepanz gehört zu den Schlüsselreizen, die fast automatisch eine starke Wirkung auf uns Hochsensiblen haben. Durch unsere feinen Antennen und unserer breiten Wahrnehmung erkennen wir sofort, wenn „etwas nicht rund läuft.“ Es ist deswegen sehr schwierig, etwas vor einem hochsensiblen Menschen zu verbergen. Wir merken sofort, wenn es „nicht stimmt“ und es macht uns oft wahnsinnig, wenn wir aber nicht wissen, was sich dahinter verbirgt. Denn auch wenn unsere Antennen Veränderungen und Unstimmigkeiten, Diskrepanzen oder Ungesagtes wahrnehmen können, so können wir nicht Gedanken lesen. Wir merken nur, DASS etwas nicht mehr rund läuft oder anders ist. Wir wissen aber nicht, WARUM!

Es kommt dann klassisch zu folgendem Dialog:

HSP: „Ist was?“

Andere Person: „Ne, alles gut.“

HSP: „Aber du hast doch was? Bist du sauer? Hab ich was falsch gemacht?“

Andere Person: „Ich sag doch, es ist alles gut. Aber wenn du mich noch weiter fragst, dann werde ich noch sauer.“

Jeder HSP weiss, dass da was ist. Es ist mit allen Sinnen spürbar. Und diese Diskrepanz zwischer der hochsensiblen Wahrnehmung und den gesprochenen Worten, bringt uns um den Verstand. Jetzt geht es im Innern eines hochsensiblen Menschen erst richtig los. Die Gedanken kreisen. Es werden Spekulationen aufgestellt. Jeder Satz, jeder Tonfall, jedes Detail wird nochmal von allen Seiten beleuchtet. ‚Hab ich was übersehen, überhört?‘ Diesem Gedanken jagt man ettliche Runden hinterher. Kommt man zu keinem anderen Ergebnis, wechseln die meisten HSP in den Selbstzweifelmodus: ‚Hab ich mir das eingebildet? Sehe ich Gespenster? Mache ich aus einer Mücke einen Elefanten?‘

Am Ende dieser Gedankenodyssee steht oft ein überforderter hochsensibler Mensch, der ausserhalb seiner Balance zwischen Aktion und Reaktion schwankt und sich nur noch eines wünscht: Klarheit.

Nicht immer kommt die gewünschte Klarheit. Doch wenn sich alles aufklärt, dann bestätigt sich meist, dass der HSP mit seinem ersten Impuls recht hatte. Das bringt die größtmögliche Erleichterung. Denn selbst wenn die Klarheit nichts Angenehmes mit sich bringt, so fördert sie das Vertrauen in uns selbst und in unsere Wahrnehmung. Und da wir alle zu Selbstzweifeln neigen – das wurde den meisten auch ihr Leben lang eingeredet – ist das so wesentlich. Deswegen suchen HSP oft das Gespräch, manchmal sogar schon provokativ. Aber alles, jede Kommunikation und Klärung ist besser als das Aushalten gefühlter Diskrepanz. Vor allem für alle Hochsensiblen, die sich ihrer Hochsensibilität bewusst sind, ist Klärung so wichtig. Wir wollen uns nicht mehr einreden lassen, dass wir uns was einbilden. Wir wollen unsere Antennen nicht mehr unterdrücken.

Hochsensible spüren mehr, mehr als anderen vielleicht lieb ist. Aber sie können keine Gedanken lesen. Daher kann es sein, dass sie auch mal falsche Schlussfolgerungen ziehen. Für uns Hochsensible selbst bedeutet das, dass wir lernen müssen, zwischen unserer Wahrnehmung und der Interpretation zu unterscheiden. Die Wahrnehmung selbst ist meist richtig, die Interpretation kann aber große Fehler haben! Für alle, die einen hochsensiblen Menschen an der Backe kleben haben, der penetrant nachhakt: erlöst den armen Menschen von seinem Gedankenkarussell und redet Klartext. Er wird es euch danken.

Mit Klarheit kann man arbeiten, auf ihr aufbauen oder weitergehen. Sie sollte stets das angestrebte Ziel sein. Aber wer dazu einfach nicht oder noch nicht in der Lage ist, der kann auch das einfach kommunizieren. „Es tut mir leid, aber ich kann grad nicht/noch nicht drüber sprechen. Bitte gib mir die Zeit die ich brauche.“ Das ist tausend mal besser als einem Hochsensiblen seine Wahrnehmung abzusprechen. So wird Diskrepanz vermieden und es ist für alle Beteiligten angenehmer und effektiver.

Loslassen & Festhalten

Im Grunde dreht sich unser ganzes Leben vor allem darum: Loszulassen. Unsere Geburt ist ein Loslassen, unsere ersten freien Schritte erfordern Loslassen. Unser erster Tag im Kindergarten ohne Eltern, unsere erste Klassenfahrt mit Übernachten, unser erstes Widersetzen in der Pubertät, unseren Auszug aus dem Elternhaus, unser erstes eigene Gehalt, unsere erste gescheiterte oder unerwiderte Liebe, unseren Abschied vom Paar sein hin zum Eltern sein… Alles erfordert Loslassen und mit der Geburt des eigenen Kindes kommen erneut viele gekoppelte Loslass-Lektionen hinzu.

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Abgrenzen – eine Entscheidungsfrage?

Abgrenzen – ein großes Wort, ein wichtiges Wort, aber auch ein belastendes Wort. Gerade Hochsensible kommen mit dem Thema Abgrenzen früh und regelmässig in Kontakt, ob sie wollen oder nicht. Zum einen wird uns Hochsensiblen gerne von anderen dazu geraten, sich doch einfach besser abzugrenzen. Zum anderen sehnen wir uns manchmal auch selbst nach einem Schalter, mit dem wir das Überfliessen von Gefühlen anderer abschalten oder unsere Wahrnehmung verringern könnten, wenn es uns zu überfordern droht. So oder so ist das mit dem Abgrenzen so eine Sache, eine Sache mit mehr als nur eine Facette.

Ich habe mir schon des öfteren Gedanken über dieses Thema gemacht. Immer wieder kam ich zum Schluss, dass Abgrenzung eine Gratwanderung ist. Einerseits wichtig, um nicht an allem und jedem Energie zu verschwenden. Andererseits ist unsere Durchlässigkeit die Basis unserer hervorragenden Empathie. Dennoch muss es möglich sein, zumindest ein bisschen Einfluss darauf zu haben. Und ich bin zum Schluss gekommen: Ja, es geht! Ja, es gibt einen Weg!

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Mit alten Mustern Kaffee trinken

Alte Muster… Oft unbewusste Gegner, hartnäckige Kletten, lästige Begleiter. Wer kennt sie nicht, die Muster, die unser Denken, Fühlen und Handeln bestimmen und die wir uns im Laufe der Jahre angeeignet haben. Meist wissen wir noch nicht mal, wieviele wir haben und wie sehr diese alten Muster unser aktuelles Leben bestimmen, obwohl sie aus einer anderen Zeit stammen. Einer Zeit, in der sie sogar Sinn machten.

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Gedanken-Pop-Ups

Mein Kopf brummt. Es kommt mir so vor, als würden um ihn herum alle paar Minuten irgendwelche Denkblasen aufploppen: Darüber musst du dir noch Gedanken machen. Dort wartet noch Arbeit auf dich. Vergiss nicht… Denk dran, dass… Hast du das Formular schon ausgefüllt? Eigentlich wolltest du ja… Du musst dich noch entscheiden, ob… Oh, nein, das hast du schon wieder vergessen! Jetzt aber… Ach nein, ich muss erst noch… Warte mal, was wollte ich eben noch? Weiterlesen „Gedanken-Pop-Ups“